Studienfahrt nach Istrien – ein besonderes Erlebnis
Selten lässt sich eine Studienfahrt so fächerverbindend planen wie die, die ein großer Teil der Jahrgangsstufe 12 im Juni 2005 antrat. Der Hauptakzent war geographisch und biologisch, aber auch geschichtliche, wirtschaftliche und politische Aspekte boten sich an, die in vielen Schülerreferaten – vorher in der Schule, vor Ort oder im Bus – aufzeigten, wie bewegt gerade die jüngere Geschichte Istriens, des Adria-Zipfel Kroatiens, durch den schrecklichen Krieg und die Auseinandersetzungen um Kriegsverbrechen waren – so turbulent wie die Geschichte des Landes alt, denn an der Wiege der Kultur standen die streitbaren Römer.

Besonders reizvoll waren die Impressionen abends am Strand, wo eine große Betonplatte zum Talk einlud und man angenehm gesprächigen Ostdeutschen Abiturienten der Jahrgangsstufe 12 begegnen konnte, aber auch lehrerlosen schwedischen Maturanden, die bei Sonnenuntergang nur noch vor sich hin grölten. Mangelnde Erfahrung mit Alkohol? Wir waren jedenfalls froh, dass unsere Zwölfer sich nicht von diesem niveaulosen Herumgehänge anstecken ließen und etwas für ihr PISA-Image taten.
Zum Abhängen hatten sie aber auch gar keine Zeit, denn unsere Exkursionen hielten uns auf Achse.
In Pula atmeten wir die römische Geschichte in einem Volumen, wie wir es von Pavarotti gewöhnt sind, der hier jährlich die Zuhörer begeistert. Die Geschichte des Landes ist aber nicht nur durch römische Einflüsse, sondern auch durch byzantinische geformt, wie wir in der Euphrasius-Basilika in Porec nachempfinden konnten – auf den Spuren zu einem frühen Christentum, das aus dem Schatten der Verfolgung und Vernichtung – etwa bei Gladiatorenkämpfen in solchen Event-Stätten – heraus trat.

Viele sahen zum ersten Mal ein uraltes in den Boden eingelassenes Erwachsenen-Taufbecken.

So wurden unsere Erfahrungen in Porec und dem Bergdörfchen Motovun zu einzigartigen Eindrücken anderer und älterer Kultur sowie mittelmeermäßigem Lebensstil. Neben römischen Ruinen tat sich so manche Idylle auf, als sei es eine Antwort auf die Vergänglichkeit des Machtgehabes eines Weltreiches.
In der zweiten Hälfte der Studienfahrt stand nun das Geographische und Biologische an. Fahrtenleiter Reiner Leusch erklärte uns die Eigenheiten der nicht nur für Kühe gefährlichen Karstlandschaft. Eine Kuh steht sicher wie ein Ochs vorm Berg, wenn sie sich plötzlich in einer Tropfsteinhöhle befindet, mit einer Ahnung wie vom Sonntag. Bären und Wölfe haben wir nicht gesehen, aber die riesigen Grünbrücken, die man hier geschaffen hat, um den Tieren den Gebietswechsel komfortabler zu gestalten.

Als bittere Kontraste zu der intakten Natur zeigten sich uns dort im ehemaligen Kriegsgebiet auch zerschossene Häuser; unpassend war sicher die Tatsache, dass unser Reiseführer Peter – ein Kroate, der in Alsdorf gewohnt und gearbeitet hat – diese auch ankündigte mit der permanenten Eröffnungs-Floskel „So Herrschaften, wie gesagt, ...“, aber wenn er von getöteten oder auf Nimmer-Wiedersehen vertriebenen Familien erzählte, die in diesen Häusern einst wohnten und lange an ihnen gebaut hatten, wurde das Grauen des Krieges plötzlich plastisch. Nach langer Fahrt erreichten wir den Höhepunkt unserer Exkursion: das Land der tausend Seen, die „Plitvicer Seen“ und ihre 1000 Wasserfälle. Dass hier Winnetou-Filme gedreht wurden, so der bekannteste unter ihnen, „Der Schatz im Silbersee“, war unmittelbar nachvollziehbar, wenn man hinter jeder Wegbiegung ein neues Wasserpanorama erlebte in einem Ausmaß, das alle Erwartungen sprengte. Moosbankkaskaden im Wechsel mit riesigen Fall-Fontänen, stufenförmige Bäche und tiefe glasklare Fischseen. Faszinierend war die außerordentlich intensive und Kraft gebende Wirkung des allgegenwärtigen Wasserfallrauschens. Hier müssen Urmenschen gelebt haben, die sich für Giganten hielten! Dass so etwas Kultiviertes wie die „Krawatte“ – vom Wortstamm „Kroate“ durch die erstaunten Napoleonischen Kriegern hergeleitet, als sie diesen urwüchsigen Reitern mit ihren Halswimpeln begegneten –, kann man sich hier nicht vorstellen.

Viele waren voll und ganz davon überzeugt, dass sie dieses Mittelmeerland wiedersehen würden, und zwar sehr bald, denn die Preise beginnen zu klettern.
Eine Fahrt auf dem Limski-Fjord, der gar kein Fjord ist, sondern nur so heißt, weil er ähnlich geformt ist, und ein zünftiges Mittagessen auf dem Schiff – Piratengrill mit Makrelen – rundeten unsere Studienfahrt ab. In Rovinj, Perle der Adria, war allerdings zu sehen, wie der Zahn der Zeit durch die Armut der letzten Jahrzehnte ungehemmt an den Kleinodien nagt und die Gebäude von innen heraus, wo es dumpf und modrig ist, zersetzt werden. Da kann man es nur begrüßen, dass sich unzählige kroatische Kunststudentinnen und -studenten auf die endlos langen Treppen der Steilgasse Grisia so postiert hatten, dass unser Auf- und Abstieg zum Kunst-Hindernislauf wurde. Manchmal konnte man nicht sicher entscheiden, ob denn nun das Gemälde oder die Malerin bzw. der Maler das eigentliche Kunstwerk war. In jeder Hinsicht sahen wir Hervorragendes, so dass sich mir in diesem Sonnenlicht die einzigartigen Verse Gottfried Kellers aufdrängten:
„Trinkt, o Augen, was die Wimper hält, von dem goldnen Überfluss der Welt!“
Heinz-Theo Frings